Die Sicht einer Tochter
#1
Liebe Forumsfrauen, ich habe hier jetzt einige Threads gelesen, da mich das Thema persönlich sehr beschäftigt. Zwar bin ich nicht als Partnerin/Ehefrau betroffen, aber vielleicht gibt es eine zusätzliche Perspektive...

Ich bin Ende 30 und weiß noch keine zwei Jahre, dass mein Vater bereits mein ganzes Leben lang pornografiesüchtig ist. Warum habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt? Nun, ich war immer ein vielseitig und extrem begabtes Kind, aber spätestens im Studium wurde eine große Diskrepanz zwischen Potential und realer Leistung sichtbar, und im Berufsleben verstärkte sich das Ganze noch. Ich hatte selber eine zeitlang mit SB und Pornografie zu kämpfen, bin aber seit mehreren Jahren frei. Spätestens seit dieser Zeit hatte ich den Verdacht, dass mein Vater massiv in die Sucht verstrickt sein könnte. Längere Zeit betete ich dafür. Schließlich kam es nach mehreren Jahren im Gespräch mit meiner Mutter dazu, dass ich sie konkret fragte, ob mein Vater pornografiesüchtig sei. Sie bejahte, und erzählte mir auch, wie lange schon. Nun wusste ich sicher, was ich schon lange ahnte.

Was hat das verändert? Für mich bedeutete es eine Welt. Ich schaute danach in den Spiegel, und ich sah in dem weinenden Gesicht, das mir entgegenschaute... eine Frau mit Würde! So oft hatte ich den Spiegel befragt, ob ich hübsch sei, und so lange hatte ich an diesem Thema mit Gott gearbeitet. Selbstannahme und mich selbst schön zu finden war ein jahrelanger Kampf. An diesem Abend war es, als würde es sich in Luft auflösen. (Und ich habe seitdem nicht mehr damit gekämpft). Wie konnte das so einen großen Unterschied machen? Nun, auf einmal konnte ich mir eingestehen, dass ich nicht überempfindlich reagiert hatte, als ich als Teenager die Blicke meines Vaters als unangemessen empfunden hatte. Auch nicht, dass ich bereits als Kind, aber auch viel später noch beim Dating trotz meiner klaren biblischen Massstäbe oft größte Verwirrung darüber empfunden hatte, ob das Verhalten meines Gegenübers sexuell übergriffig war oder nicht, und wie ich darauf reagieren sollte. Ich habe die Wahrheit als große Befreiung empfunden, seit diesem Tag fühle ich mich als Frau und trete scheinbar auch so in Erscheinung, obwohl ich nichts bewusst geändert habe. Aus dem Nichts heraus grüßten mich auf einmal fremde Leute auf der Straße...

Auch wurde mir durch das "Wissen" bewusst, warum ich und meine Geschwister Opfer sexueller Übergriffigkeit wurden. Wir waren trainiert darauf, sexuelle Untertöne zu ignorieren, als Normalität zu empfinden. Es ist, als wäre das Frühwarnsystem ausgefallen. Im Rückblick sehe ich sehr deutlich, dass ich nur um Haaresbreite und durch Gottes Gnade als Kind einem Pädophilen entkommen bin, der mich bereits an einen einsamen Ort geführt hatte und einen Treffpunkt für den nächsten Tag mit mir vereinbarte... Später fühlte ich mich sehr unwohl in Badekleidung, obwohl ich eine sehr gute Figur hatte und hübsch aussehe. Vielleicht sind nicht alle der aufgeführten Punkte zwingend im Zusammenhang mit der Pornografiesucht meines Vaters. Fakt ist, dass ich alle meine Siege in diesen Bereichen erst errungen habe, als ich die Wahrheit kannte. Seit diesem Tag fühle ich mich als Frau, nicht mehr als (mittlerweile jetzt doch schon recht altes) Mädchen...

Vielleicht sollte ich noch hinzufügen, dass ich noch nie in meinem Leben eine feste Beziehung zu einem Mann hatte, obwohl ich äußerlich sehr attraktiv, (relativ) erfolgreich, intelligent und kreativ bin. Stattdessen hatte ich viele Kennlernsituationen mit emotional oder sexuell übergriffigen Männern. Ich habe mein Leben lang eine christliche Ehe gesehen, bei der das Treueversprechen offensichtlich nur von einer Seite galt. Dass meine Mutter dieses Problem so lange ignorierte, hat mich im Unterbewusstsein so geprägt, dass ich mich erst dann für zur Ehe bereit hielt, wenn ich zu dem gleichen Opfer bereit wäre.

Wäre es aus meiner Sicht besser gewesen, wenn meine Mutter sich getrennt hätte? Dazu habe ich keine abschließende Meinung. Aber aus den subtilen negativen Erlebnissen mit meinem Vater im Teenageralter heraus kann ich zumindestens sagen, dass in dieser Zeit eine zusätzliche, das Vertrauen sehr belastende Dynamik entstehen kann. Neben der Belastung durch "nicht ganz koschere" Blicke kam für mich das Gefühl der Konkurrenz zu meiner eigenen Mutter dazu. Dass mein Vater mir (sehr sehr subtil) eine Art der Aufmerksamkeit widmete, die nicht nur mich anekelte, sondern auch ihr gehörte, hat in mir Schuldgefühle ausgelöst. Ich habe damals versucht, meine fraulichen Körperformen in viel zu weiten Klamotten zu verstecken. Gleichzeitig hätte ich mich gerne hübsch gemacht. Einmal ließ ich meine wunderschöne auf Figur geschnittene neue Winterjacke eine Saison lang im Schrank hängen, weil ich Angst hatte, darin zu attraktiv auszusehen.

Jeder Schritt, den meine Mutter in Richtung Aufarbeitung und Wahrhaftigkeit geht, ist für mich persönlich eine Wohltat. Auch, wenn es zugleich mühsam ist. Wo Sünde aufgedeckt ist, da verliert sie an Macht über unser Leben. Ich denke, genau deshalb heißt es auch "... und bekennt einander eure Sünden, damit ihr geheilt werdet..." (Jak. 5,16)
Allen Betroffenen und Familienangehörigen wünsche ich den Segen unseres Vaters im Himmel, der sagt: "Siehe, ich mache alles neu!"
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#2
Liebe Anonyma!
Das ist ein starkes Zeugnis, das du uns mitteilst. Gott ist treu! Das kommt aus deinen Zeilen klar heraus. Wie hast du von der Pornographiesucht deines Vater erfahren? Du bist glaub ich die erste Frau, die als Tochter eines Pornographiesüchtigen schreibt. Dass diese Sucht nicht nur Ehefrauen sondern auch die Kinder von Süchtigen beschädigen kommt aus deinem Zeugnis ganz klar heraus. Danke, dass du geschrieben hast. Sehr mutig, ich hoffe, du kannst noch vielen anderen Töchtern von süchtigen Vätern Mut geben. Ich hoffe, dass du noch viel  mehr Heil in deinem persönlichen Leben erleben kannst.
Gottes reichen Segen dir!!!!! Judith
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#3
Liebe Judith,

Danke für Dein Feedback! Ja, Gott ist treu! Und herzlichen Dank für Deine guten Wünsche! Gottes Gegenwart und echte christliche Gemeinschaft ist sehr heilsam.

Mir wird in letzter Zeit erst klar, dass Pornografie als Sucht ebenso destruktiv ist wie Alkoholismus o.ä., und dass das Umfeld sehr wohl betroffen ist. Und deshalb habe ich das hier geteilt. Meine Vermutung ist, dass betroffene Töchter massive Verunsicherung ihres Selbstbilds als Frau erleben, so war es zumindest bei mir, und dass sie mit Scham kämpfen und öfter Opfer von sexuellen Übergriffen werden. Wie gesagt, das ist mein persönliches Empfinden. Wo meine Verantwortung als Tochter liegt, ist mir gegenwärtig noch unklar (außer meiner Mutter Unterstützung zuzusagen).

Wie habe ich von der Sucht meines Vaters erfahren? Nun, es gab Anzeichen. Mal öffnete sich am Familien-PC beim Email abrufen ein Fenster mit einem eindeutigen Foto - und ich war ganz erschreckt und dachte, ich hätte unbeabsichtigt irgendwo hingeklickt...
Und dann waren eben so Blicke, bei denen ich kein gutes Gefühl hatte. Oder eben auch das anderen Frauen hinterhergucken (naja, das  scheint ja leider nicht die größte Seltenheit zu sein, also, ich wäre vorsichtig, allein daraus zu große Rückschlüsse zu ziehen).

Die andere Seite ist - wenn Du selbst mal irgendwie mit Pornografie zu tun hattest, dann siehst Du sowas einfach. Diese Fähigkeit der Erkenntnis wirkt im Guten wie im Bösen... Manchmal triffst du ja auch eine völlig fremde Person und merkst sofort, dass sie die gleiche Begeisterung für Kunst oder Sport oder Gott hat.
Sicher erfahren habe ich davon, weil ich meine Mutter direkt gefragt habe. In einem Gespräch, in dem sie sinngemäß sagte, sie habe das Gefühl, dass auf unserer Familie kein Segen mehr liege...

LG, Anonyma (insbesondere zum Schutz meiner Mutter schreibe ich anonym)
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